📖 3.5 Unfallbeispiel «Lichtbogen auf dem Festplatz»

Warum Routine und Bequemlichkeit dein Urteil vernebeln – Eine Analyse des Versagens

Willkommen zur fünften Lektion. Heute lassen wir die Theorie hinter uns. Wir analysieren einen realen Unfallbericht, der so aktenkundig bei der Berufsgenossenschaft eingegangen ist. Es ist die Geschichte eines erfahrenen Elektromonteurs auf einem Festplatz.

Dieser Fall ist deshalb so wertvoll für unsere EUP Schulung , weil er zeigt, dass selbst hochqualifizierte Fachkräfte (EFK) unter vermeintlichem Zeitdruck fatale Fehlentscheidungen treffen. In dieser Lektion lernst du als EuP oder als Unternehmer: Es gibt kein „Ersatz-Messgerät“. Es gibt nur das richtige Werkzeug – und wer aus Bequemlichkeit auf ein Billig-Gerät zurückgreift, riskiert nicht nur seine Gesundheit im schlimmsten Fall auch sein Leben, sondern auch seine berufliche Existenz.

💡 Jens erklärt: Das Taschenmesser-Prinzip

„Männer, hört mir gut zu. Stellt euch vor, ihr seid im Wald und müsst eine massive Eiche fällen. Euer Chef hat euch eine Profi-Motorsäge für 1.200 Euro gekauft, die hinten im Transporter liegt. Aber der Transporter steht 200 Meter weit weg hinter ein paar Stapeln Brennholz und anderen Baustellen-Fahrzeugen.

Was macht ihr? Seid ihr so bequem und nehmt euer kleines Schweizer Taschenmesser aus der Hosentasche, weil ihr es gerade griffbereit habt, nur um euch den Weg zu sparen? Klingt völlig verrückt, oder? Aber genau das passierte bei Andreas und  jeden Tag in deutschen Schaltschränken. Dieser Kurs soll  dir helfen diese Fehleinschätzung zu ändern 

Ein Multimeter ist ein feines Skalpell für den Labortisch oder zum Messen an einer Autobatterie. An einer massiven Stromschiene in einem Hauptverteiler hat es nichts zu suchen. Und wer dann noch sein privates Billig-Teil vom Baumarkt nutzt, obwohl im Wagen das CAT-III-Profi-Gerät vom Chef liegt, der betreibt kein Handwerk – der betreibt russisches Roulette. Wir schauen uns jetzt an, wie Andreas (unser Monteur) aus reiner Bequemlichkeit sein Leben riskierte, weil er keine Lust hatte, sich durch die Absperrungen am Fahrgeschäft zu schlängeln.“

1. Das Szenario: Der Jahrmarkt im Aufbau-Modus

Es ist die Woche vor der großen Eröffnung. Der Festplatz ist eine riesige Baustelle. Überall stehen LKWs, Gabelstapler fahren im Zickzack, und hunderte von Arbeitern hämmern, schrauben und ziehen Leitungen. Es herrscht kein offizieller Besucherandrang, aber das Gewusel aus Aufbauteams macht den Weg zum Werkstattwagen mühsam und zeitfressend.

Andreas hat den Auftrag, ein großes Fahrgeschäft an den Niederspannungs-Verteilerschrank anzuschließen. Das schwere Anschlusskabel liegt bereits im Dreck und ist bis zum Schrank gezogen und an einen Sicherungsabgang angeschlossen . Nun folgt der entscheidende Schritt: Die Spannungsprüfung an den Sammelschienen des Verteilers. Er muss sicherstellen, dass die Phasen korrekt anliegen, bevor er das Fahrgeschäft zuschaltet.

Die fatale Entscheidung aus Bequemlichkeit:Andreas merkt, dass er seinen zweipoligen Spannungsprüfer (den Duspol) im Wagen gelassen hat. Er müsste sich jetzt durch die anderen Teams und Absperrungen zurück zum Parkplatz schlängeln. Das würde ihn vielleicht fünf bis zehn Minuten kosten – Zeit, die er meint, nicht zu haben, weil der Schausteller schon ungeduldig mit den Hufen scharrt.

In seiner Hosentasche hat er jedoch sein privates Digital-Multimeter, das er sich vor Jahren mal im Baumarkt für 15 Euro gekauft hat. „Ist ja auch ein Messgerät, zeigt ja auch Volt an“, denkt er sich. Dass sein Chef ihm eigentlich ein professionelles CAT III Multimeter für über 500 Euro ausgehändigt hat, das genau für solche Arbeiten geprüft ist (aber eben auch im Wagen liegt), ignoriert er in diesem Moment der Bequemlichkeit komplett.

2. Die physikalische Falle: Die Ampere-Buchse als Kurzschluss-Brücke

Ein Multimeter ist ein Alleskönner, aber genau diese Vielseitigkeit macht es so gefährlich. Die Buchsen am Gerät entscheiden über das Schicksal des Benutzers.

Das Prinzip der Strommessung (Shunt)

  • Spannungsmessung (V): In diesem Modus ist das Gerät extrem hochohmig. Es lässt kaum Elektronen durch und misst nur den Druck (Spannung).
  • Strommessung (A): Um Strom zu messen, muss das Gerät wie ein Teil der Leitung wirken. Es hat im Inneren eine massive Metallbrücke (den sogenannten Shunt) mit fast Null Ohm Widerstand.

Der Fehler von Andreas: Er hatte zuvor bei einer anderen Arbeit an einer Batterie den Strom gemessen und die Messleitungen noch in den Buchsen für die Strommessung stecken lassen. In seiner Hektik schaute er nicht auf die Buchsenbelegung.

Als er nun die Messspitzen an die Anschlussklemmen zweier Phasen (L1 und L2) hielt, passierte physikalisch folgendes: Er baute mit seinem privaten Billig-Gerät eine direkte, metallische Brücke zwischen zwei Phasen mit 400 Volt Potenzialunterschied. Da das Gerät im Inneren keinen nennenswerten Widerstand hat, schoss der gesamte Kurzschlussstrom des Netzes (tausende Ampere!) ungehindert durch das Gerät und die dünnen Messkabel.

3. Der technische Kern: Warum Messkategorien (CAT) über Leben entscheiden

Warum explodierte das Gerät von Andreas so gewaltig, während ein Profi-Gerät den Fehler vielleicht „überlebt“ hätte? Hier kommen die Messkategorien (CAT) nach der Norm IEC 61010-1 ins Spiel. Sie definieren, für welche Energielevel ein Gerät ausgelegt ist.

Die CAT-Klassen im Überblick:

  1. CAT I: Nur für Messungen an Stromkreisen, die keine direkte Verbindung zum Netz haben (z. B. batteriebetriebene Geräte, Autoelektronik). Hier treten keine gefährlichen Überspannungen aus dem Netz auf.
  2. CAT II: Für Messungen an Geräten, die über einen Stecker mit dem Niederspannungsnetz verbunden sind (Haushaltsgeräte, tragbare Werkzeuge).
  3. CAT III: Für Messungen in der Gebäudeinstallation. Dazu gehören stationäre Verbraucher, Unterverteilungen und die Sammelschienen, an denen Andreas arbeitete. Hier können enorme Kurzschlussströme fließen.
  4. CAT IV: Die höchste Stufe. Für Messungen an der Quelle der Niederspannungsinstallation, also direkt am Hausanschlusskasten oder am Zähler. Hier ist die Energie im Fehlerfall am größten.

Die Hochleistungssicherung: Der Lebensretter

Professionelle Multimeter der Kategorien CAT III oder CAT IV besitzen spezielle Hochleistungssicherungen. Das sind massive Keramikrohre, die im Inneren mit speziellem Quarzsand gefüllt sind.

  • Die Funktion: Wenn ein massiver Kurzschlussstrom fließt, schmilzt der Sicherungsdraht sofort. Der Sand im Inneren verglast durch die Hitze augenblicklich und löscht den entstehenden Lichtbogen im Inneren der Sicherung ab. Die Energie wird gestoppt, bevor das Gehäuse des Multimeters platzt.
  • Das Billig-Teil: Das 15-Euro-Gerät aus dem Baumarkt (oft nur CAT II oder gar nicht klassifiziert) besitzt meist nur eine winzige Glasrohrsicherung. Diese platzt bei 400 V einfach, und der Lichtbogen brennt im Gehäuse weiter – das Multimeter wird zur Splitterbombe.

4. Der Werkzeug-Check: Warum der 2-polige Spannungsprüfer dein wahrer Bodyguard ist

In der Industrie und im Handwerk ist die Verwendung eines Multimeters zur Feststellung der Spannungsfreiheit laut Berufsgenossenschaften und VDE faktisch „verboten“. Das Maß der Dinge ist der zweipolige Spannungsprüfer (umgangssprachlich oft „Duspol“ genannt) nach der Norm DIN VDE 0682-401.

Warum ist der Spannungsprüfer überlegen?

  1. Keine Messbereichswahl: Ein Multimeter muss man einstellen (Volt, Ampere, Ohm). Andreas hat das vergessen. Ein Spannungsprüfer hat keine Knöpfe zum Verstellen – er weiß immer, dass er Spannung messen soll. Ein Bedienfehler ist fast ausgeschlossen.
  2. Lastzuschaltung gegen „Phantomspannungen“: Multimeter sind so empfindlich, dass sie oft Spannungen anzeigen, die nur durch Induktion entstehen („Blindspannungen“). Der zweipolige Spannungsprüfer lässt sich belasten. Wenn er leuchtet, fließt wirklich Energie.
  3. Eigensicherheit: Er ist so konstruiert, dass er bauartbedingt niemals einen Kurzschluss verursachen kann, selbst wenn das Gerät intern einen Defekt hätte.
  4. Mechanische Robustheit: Er muss Stürze und widrige Bedingungen auf Baustellen aushalten, wofür feine Multimeter nicht gebaut sind.

Typen von 2-poligen Spannungsprüfern:

  • LED-Anzeige: Die einfachste Form. Zeigt die Spannungsebenen über Leuchtdioden an. Vorteil: Funktioniert oft auch ohne Batterie für die Grundanzeige.
  • LCD-Anzeige: Digitale Anzeige des genauen Wertes. Ideal für präzise Messungen.
  • Tauchtulensystem (Analog): Ein elektromechanisches System, das bei steigender Spannung einen Kern in eine Spule zieht. Diese Geräte vibrieren oft bei Lastzuschaltung – ein haptisches Feedback, das bei Lärm auf dem Festplatz Gold wert ist.

💡 Jens erklärt: Sand gegen Plasma

„Stellt euch vor, ein LKW rast ungebremst auf eine Mauer zu. Die Hochleistungssicherung im Profi-Gerät ist wie eine 50 Meter dicke Schicht aus Spezialsand. Der LKW (der Strom) wird darin einfach verschluckt und bleibt stehen.

Das Billig-Multimeter von Andreas hatte höchstens ein dünnes Absperrband aus Glas. Der Strom ist da einfach durchgeschlagen. Das Metall im Inneren ist innerhalb einer Millisekunde verdampft. Und wisst ihr, was passiert, wenn festes Kupfer zu Gas wird? Es dehnt sich schlagartig um das Tausendfache aus. Das Gehäuse ist Andreas buchstäblich um die Ohren geflogen. Er hielt keine Elektronik mehr in der Hand, sondern einen brennenden Feuerball, der mit der Energie eines kleinen Kraftwerks direkt in sein Gesicht feuerte.

Und das alles nur, weil er keinen Duspol nach DIN VDE 0682-401 benutzt hat. Mit dem Ding wäre nichts passiert – egal wie hektisch Andreas gewesen wäre.“

5. Die Katastrophe: Störlichtbogen und Plasma-Physik

Innerhalb von Millisekunden passierte das Unvermeidliche:

  1. Der Flashover: Der Lichtbogen sprang von den verglühenden Messspitzen direkt auf die massiven Kupferschienen des Verteilers über.
  2. Die Plasma-Explosion: Es entstand eine Plasmawolke mit Temperaturen von über 10.000 Grad Celsius. Das ist heißer als die Sonnenoberfläche.
  3. Die Verletzungen: Andreas stand unmittelbar vor dem offenen Schrank ohne Lichtbogenschutz-Kleidung. Er erlitt Verbrennungen zweiten Grades im Gesicht und an beiden Unterarmen. Seine Augen wurden durch den UV-Blitz massiv geschädigt („Verblitzen“). Nur weil er vor Schreck zurückfiel, wurde er nicht komplett gegrillt.

6. Die rechtliche Analyse: Wer trägt die Last?

Nach dem Unfall beginnt die juristische Aufarbeitung. Hier trennt sich die Spreu vom Weizen.

Die Rolle des Unternehmers (Dein Schutzschild)

In diesem realen Fall hat der Chef alles richtig gemacht. Er hat:

  • Ein geeignetes, geprüftes Messgerät (CAT III) zur Verfügung gestellt (Kosten ca. 500 €).
  • Eine klare schriftliche Arbeitsanweisung herausgegeben, dass nur zweipolige Spannungsprüfer (Duspol) genutzt werden dürfen.
  • Andreas regelmäßig unterwiesen und dies dokumentiert.

Die Rolle von Andreas (Grobe Fahrlässigkeit)

Da Andreas eine Elektrofachkraft (EFK) ist, wird von ihm ein besonderes Maß an Sorgfalt erwartet. Er hat:

  1. Gegen die Arbeitsanweisung verstoßen: Er wusste, dass er den Duspol nehmen muss.
  2. Ungeeignetes Werkzeug benutzt: Die Verwendung eines privaten, ungeprüften Billig-Geräts ohne Hochleistungssicherungen ist ein massiver Verstoß gegen den Stand der Technik.
  3. Bequemlichkeit über Sicherheit gestellt: Der Weg zum Wagen war zumutbar.

Die Konsequenz: Andreas wurde in diesem Fall fristlos gekündigt. Die Berufsgenossenschaft kann Regressansprüche prüfen, da er vorsätzlich Sicherheitsstandards missachtet hat. Der Chef hingegen war durch seine saubere Dokumentation und die Bereitstellung des Profi-Equipments rechtlich abgesichert.