📖 3.3 Gefahren und Wirkungen des elektrischen Stroms

Gefahren und Wirkungen des elektrischen Stroms


„Was der Strom mit deinem Körper macht – von der Verbrennung bis zur Elektrolyse“

Willkommen zur dritten Lektion in unserem Sicherheitsmodul . In den vorangegangenen Schritten haben wir gelernt, wie der Strom in den Körper gelangt (Lektion 3.1) und welchen Weg er durch unsere Organe nimmt (Lektion 3.2). Jetzt gehen wir ins Detail: Was passiert eigentlich auf biologischer und physikalischer Ebene, wenn die Elektronen durch unsere Zellen rasen?

Strom ist tückisch, weil er nicht nur eine einzige Gefahr darstellt. Er greift uns auf drei Ebenen gleichzeitig an: thermisch, chemisch und neurologisch. Als EuP musst du diese Wirkungen kennen, um Unfälle richtig einschätzen zu können – denn oft sieht man die schlimmsten Verletzungen von außen gar nicht.

💡 Jens erklärt: Das Gewitter im Körper

„Männer, stellt euch euren Körper wie eine hochsensible Bio-Maschine vor. Jede deiner Bewegungen, jeder Herzschlag und jeder Gedanke wird durch winzige elektrische Impulse gesteuert. Das ist so, als hättest du überall im Körper extrem feine Glasfaserkabel verlegt.

Wenn jetzt der Strom aus der Steckdose mit 230 V dazukommt, ist das so, als würde ein Blitz in ein Telefonnetz einschlagen. Es ist einfach viel zu viel Energie für die feinen Leitungen. Der Strom 'brät' nicht nur das Gewebe durch die Hitze, er fängt auch an, dein Blut umzuprogrammieren und deine Nerven mit Fehlbefehlen zu bombardieren. Das ist kein einfacher Schlag – das ist ein Totalangriff auf deine Biologie. Und das Schlimmste: Manche Schäden merkst du erst, wenn du schon längst wieder zu Hause auf dem Sofa sitzt.“

1. Die thermische Wirkung: Das Joule-Gesetz am Menschen

Sobald Strom durch einen Widerstand fließt, entsteht Wärme. Das haben wir bei der Glühbirne gelernt (P = I mal I mal R). Dein Körper ist in diesem Moment dieser Widerstand.

Äußere Verbrennungen und Strommarken

An den Stellen, an denen der Strom in den Körper ein- und wieder austritt, ist der Widerstand der Haut am höchsten. Hier entstehen oft sogenannte Strommarken. Das sind weißliche oder graue Erhebungen, die oft gar nicht so schmerzhaft aussehen, aber tief in das Gewebe reichen können. Die Hitze ist hier so konzentriert, dass das Eiweiß in den Zellen sofort gerinnt.

Innere Verbrennungen

Das ist die eigentliche Gefahr. Da der Strom den Weg des geringsten Widerstandes sucht (Blutgefäße und Nerven), fließt er tief im Inneren. Dort kann er Organe „kochen“, ohne dass die Haut großflächig verbrannt ist. Diese inneren Nekrosen (abgestorbenes Gewebe) können zu schweren Entzündungen führen. Oft merken Verunfallte erst Stunden später, dass innere Organe geschädigt wurden, wenn die Abbauprodukte des verbrannten Gewebes den Körper vergiften.

2. Die chemische Wirkung: Die schleichende Gefahr (Elektrolyse)

Diese Wirkung wird oft unterschätzt, besonders bei Gleichstrom (DC) oder Unfällen mit längerer Einwirkdauer. Unser Körper besteht zu einem großen Teil aus Elektrolyten (salzhaltigem Wasser).

Zersetzung der Körperflüssigkeiten

Fließt Gleichstrom durch den Körper, wirkt er wie bei einer Batterie in einer Elektrolyse-Wanne: Er zersetzt die Flüssigkeiten in ihre Bestandteile. Dabei bilden sich im Blut chemische Gifte und Gase.

  • Das Problem: Diese Giftstoffe belasten massiv deine Nieren. Die Nieren versuchen, die Trümmer der zerstörten Blutzellen und die chemischen Abfallprodukte zu filtern.
  • Der Späteffekt: Es gibt Fälle, in denen Menschen nach einem vermeintlich glimpflichen Stromunfall erst Tage später an akutem Nierenversagen sterben.

Wichtig für dich: Nach JEDEM Stromunfall ist der Gang zum Arzt (und meist ein EKG über 24 Stunden) absolute Pflicht!

💡 Jens erklärt: Die vergiftete Suppe

„Stellt euch vor, ihr habt eine schöne Suppe auf dem Herd. Der Stromschlag ist hier nicht nur die Hitze, die die Suppe anbrennen lässt. Bei Gleichstrom ist es so, als würde jemand plötzlich die Zutaten in der Suppe chemisch verwandeln. Aus dem Salz wird Chlorbleiche, aus dem Wasser wird Gas.

Dein Blut ist danach nicht mehr die gleiche Flüssigkeit wie vorher. Diese 'vergiftete Suppe' pumpt dein Herz dann durch den ganzen Körper. Deine Nieren versuchen das Zeug auszufiltern, aber sie werden von der Menge an Müll einfach überrollt und machen dicht. Deshalb: Wer nach einem Schlag sagt 'Passt schon, mir geht's gut', der spielt russisches Roulette mit seinen Nieren.“

3. Die neurologische Wirkung: Muskelkrampf und Herzstillstand

Wie in Lektion 3.2 besprochen, stört der Strom die Reizleitung.

  • Muskelverkrampfung: Der Strom zwingt die Muskeln zur maximalen Anspannung. Das führt zur Loslassschwelle.
  • Atemstillstand: Wenn der Strom über den Brustkorb fließt, verkrampft das Zwerchfell. Du kannst nicht mehr einatmen. Hält der Stromfluss an, erstickst du bei vollem Bewusstsein.
  • Herzkammerflimmern: Das Herz pumpt nicht mehr, sondern zittert nur noch unkoordiniert. Der Blutkreislauf bricht sofort zusammen. Das Gehirn wird nicht mehr mit Sauerstoff versorgt – nach nur wenigen Minuten entstehen bleibende Hirnschäden oder der Tod tritt ein.

4. Der Lichtbogen: Die unsichtbare Explosion

Ein Lichtbogen entsteht, wenn Strom durch die Luft springt (z.B. bei einem Kurzschluss oder beim Trennen unter Last). Ein Lichtbogen ist eine Plasmawolke mit Temperaturen von bis zu 10.000 bis 20.000 Grad Celsius. Das ist heißer als die Oberfläche der Sonne!

Gefahren des Lichtbogens:

  1. Extreme Hitze: Schmilzt Metall und verursacht schwerste Verbrennungen in Sekundenbruchteilen, selbst ohne direkten Kontakt zu den Leitungen.
  2. Druckwelle: Die Luft dehnt sich explosionsartig aus. Das kann zu Knalltraumata führen oder dich von einer Leiter werfen.
  3. UV-Strahlung: Wie beim Schweißen kann die Netzhaut der Augen geschädigt werden („Verblitzen“).
  4. Metall-Dampf: Du atmest verdampftes Kupfer oder Aluminium ein. Diese Metalldämpfe sind hochgiftig und können die Lunge dauerhaft schädigen.

5. Sekundärgefahren: Der Sturz nach dem Schlag

Oft ist nicht der Stromschlag selbst die Ursache für die schwerste Verletzung, sondern das, was danach passiert. Wir nennen das Sekundärunfälle. Ein kurzer elektrischer Schlag führt zu einem heftigen Muskelzucken. Wenn du in diesem Moment auf einer Leiter oder einem Gerüst stehst, verlierst du das Gleichgewicht. Der darauffolgende Sturz aus mehreren Metern Höhe auf den Betonboden führt zu Knochenbrüchen oder Schädel-Hirn-Traumata. Für die Berufsgenossenschaft ist das ein klassischer Stromunfall, auch wenn der Strom dich "nur" erschreckt hat.

💡 Fazit für deinen Arbeitsalltag

Unterschätze niemals einen "kleinen Wischer". Die inneren thermischen Schäden und die chemischen Veränderungen im Blut sind für dich als Laie unsichtbar. Wer professionell arbeitet, nimmt jeden elektrischen Kontakt ernst.

Merke dir für das Quiz:

  • Strommarken sind Warnsignale für tiefere Verletzungen.
  • Gleichstrom zersetzt das Blut chemisch (Gefahr für die Nieren).
  • Lichtbögen sind Plasma-Explosionen mit extremer Strahlung.
  • Spätfolgen können noch nach Tagen tödlich sein.